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Gegenwartsfragen mit Stefan Padberg online
Unser nächstes Treffen findet statt am Donnerstag, den 20. Januar 2022 um 18:30 Uhr.
Beim letzten Treffen haben wir über einen Artikel von Charles Eisenstein zum Klimawandel gesprochen:
https://charleseisenstein.org/essays/klimawandel-ein-groserer-zusammenhang/
Eisenstein ist ein Kulturphilosoph, der namentlich die Occupy-Bewegung mitgeprägt hatte. Seine Anschauung verbindet sozialökonomische und spirituelle Gesichtspunkte, mit denen er einen Bewußtseinswandel anregen möchte. Er beginnt seine Argumentation mit einem Vergleich der drei Institutionen Geld, Krieg und Religion. Er weist darauf hin, dass alle drei Institutionen es ermöglichen oder geradezu fordern, den Augenblick oder das Menschliche zugunsten eines übergeordneten Ziels aufzugeben. Er bezeichnet das später im Artikel als „Instrumentalismus“.
Die gleiche Struktur entdeckt er in den üblichen Berichten zum Klimawandel. Es stehe alles auf dem Spiel, alles muss der Rettung des Klimas bzw. der Einhaltung des 1,5-Grad-Ziels untergeordnet werden. „Es ist der Inbegriff von Rationalität, Entscheidungen anhand von Zahlen zu treffen.“
Das verursacht seiner Ansicht nach „3 Probleme: (1) das Unmessbare und das Qualitative werden zwangsläufig abgewertet; (2) das angewandte Maßsystem beinhaltet und erhält bestehende Vorurteile und Machtverhältnisse, die ihrerseits einen Ökozid zur Folge haben und (3) fördert die Illusion von Vorhersehbarkeit und Kontrolle, die die Wahrscheinlichkeit widernatürlicher, unbeabsichtigter Konsequenzen verschleiert.“
Am Beispiel der Tehri-Talsperre am indischen Fluss Bhilangana verdeutlicht er, was er damit meint. Durch die Talsperre wurde das ursprüngliche Ökosystem vernichtet, hunderttausende von Dorfbewohnern vertrieben und ihre Bauernhöfe überschwemmt. Mit dieser und vielen anderen Talsperren sollte ein Beitrag zur Treibhausgasreduktion erbracht und Emmissionshandelszertifikate generiert werden. Man kann jetzt messen, dass dieses Ziel erreicht wurde. Man kann auch messen, dass sich ihre Situation verbessert hat: „jeder von ihnen erhielt Unterkünfte, die in Bezug auf Quadratmeterzahl, Sanitärinstallation und Elektrifizierung der angestammten Behausung überlegen waren.“
Was aber ist mit dem, was nicht gemessen werden kann oder was nicht als messenswert angesehen wurde: den verlorenen Traditionen, den abgebrochenen sozialen Beziehungen, den verlorenen Erinnerungen, dem verlorenen Wissen und nicht zuletzt der Einzigartigkeit jedes überschwemmten Ortes? Das betrifft die obigen Punkte (1) und (2). In diesem Bereich haben Mensch und Natur offensichtlich einen Verlust erlitten.
Aber es geht noch weiter: „Was Problem 3 betrifft, ist es auf lange Sicht zweifelhaft, ob die Talsperre den CO2-Gehalt überhaupt gesenkt hat: man sollte bedenken, dass traditionelle landwirtschaftliche Praktiken den Kohlenstoff im Boden binden können und dass die neu urbanisierten Dorfbewohner wahrscheinlich bald einen Lebensstil angenommen haben werden, der mehr Kohlenstoff verbraucht. Darüber hinaus trägt die hydroelektrische Talsperre zur Entwicklung der Industrialisierung bei. Jedes Kraftwerk verstärkt eine Infrastruktur, die nach immer mehr verlangt. Die Talsperre kommt nicht anstelle von Kohlekraftwerken, sie kommt zusätzlich zu ihnen hinzu.“
Ähnliche Ergebnisse ortet er auch bei anderen Strategien zur CO2-Reduktion. Sie betonen seiner Ansicht nach „das Globale gegenüber dem Regionalen, das Entfernte gegenüber dem Augenblicklichen, das Messbare gegenüber dem Qualitativen – und …. genau diese Überbetonung [ist] Teil derselben Mentalität …, die der Krise von Anfang an zugrunde liegt.“ Und da schließt sich der Kreis zum Anfang seiner Argumentation: „Es ist die Mentalität, die alles für ein entferntes Ziel opfert, was kostbar, heilig und gegenwärtig ist; es ist die Mentalität des Instrumentalismus, der andere Wesen und die Erde selbst hinsichtlich ihres Nutzens für uns bewertet; es ist die Selbstüberschätzung zu glauben, dass wir die Konsequenzen unseres Handelns vorhersagen und kontrollieren können. Es ist das Vertrauen in mathematische Modelle, das es uns ermöglicht, Entscheidungen anhand von Zahlen zu treffen. Es ist die Überzeugung, dass wir eine „Ursache“ identifizieren können – eine Ursache, die eines, aber eben nicht alles beinhaltet – und dass wir die Realität dadurch verstehen können, indem wir sie zerlegen und Variablen isolieren.“ (Hervorhebungen von mir, SP)
Möglicherweise seien die größte Bedrohung für den Klimawandel nicht die Treibhausgase, sondern der Verlust von Wäldern, Feuchtgebieten und marinen Ökosystemen. Deshalb sollte das Hauptaugenmerk auf die Gesundheit der menschlichen und natürlichen Systeme auf allen Ebenen gelegt werden.
Eine rein quantitative Begründung für den Klimaschutz sei angreifbar und verstärke die instrumentelle Logik im Umgang mit Mensch und Natur. „Diese Denkweise ist falsch. Die … Ursache für die Klimainstabilität beinhaltet alles: das ganze Ausmaß unserer Trennung von Erde, Natur, Herz, Wahrheit, Liebe, Gemeinschaft und Mitgefühl. … Wenn sich tatsächlich das Selbst und die Welt, die Menschheit und die Natur gegenseitig spiegeln und Teil voneinander sind, dann sollte es nahe liegen, dass eine Instabilität des Klimas mit einer Instabilität des sozialen und politischen Klimas einhergeht und dass Ungleichgewichte im Bereich der Natur Ungleichgewichte im menschlichen Bereich widerspiegeln.“
So weit Eisenstein. Im Verlauf unseres Gesprächs verdeutlichten wir uns zunächst die Realität des „Instrumentalismus“, die zweifellos vorhanden ist. Aber am Beispiel der indichen Talsperre wurde deutlich, dass für die Menschen in der Region durchaus ein Gewinn entstanden sein kann. Wer kann denn beurteilen, ob dieser den Verlust ausgleichen oder gar übertreffen kann? Eine Strategie, die bei allem die Natur(wesen) schützt und die Erlebnisqualitäten vor Ort bewahrt, scheint zu simpel zu sein. Es muss ja möglich sein, dass die Menschen Veränderungen in ihrer Umgebung/Umwelt vornehmen.
Es ist kaum vorstellbar, sich staatliches Handeln nicht-instrumentell vorzustellen. Das ergibt sich aus dem Gleichheitsgebot in einer Demokratie. Staatliches Handeln muss für alle gleich sein, es muss transparent und vergleichbar sein. Seine Effizienz muss bewertbar sein. Es nicht so zu handhaben, wäre Willkür und würde schnell Widerstand in der Gesellschaft hervorrufen.
Könnte die Problemstellung vielleicht darin liegen, Entscheidungsverfahren zu finden und anzuwenden, die den Instrumentalismus ausschalten oder ausbalancieren oder erschweren? Hier nahm unser Gespräch eine Wendung und wir kamen auf moderne ganzheitliche Entscheidungsverfahren zu sprechen, wie Bürgerräte, systemisches Konsensieren und – „Soziokratie“. Letztere Methode oder Vorgehensweise kannten einige nicht. Deshalb nahmen wir uns vor, beim kommenden Treffen ein Gespräch über „Soziokratie“ einzuschieben.
Also zum nächsten Mal bitte den folgenden Artikel aus „brand eins“ lesen:
Artikel in brand eins: https://soziokratiezentrum.org/wp-content/uploads/2015/08/brandeins_01_09_soziokratie.pdf
Weiterführende Informationen zu „Soziokratie“ findet ihr hier:
https://www.soziokratie.org/wp-content/uploads/2011/06/wasistsoziokratie1.0-nutzenundgrenzen.pdf
https://soziokratiezentrum.org/wp-content/uploads/2015/10/Commons-Artikel-MS.pdf
[16.12.2021, 21:54] https://youtu.be/3pggHOWgjKQ
Zugangsdaten für das nächste Treffen:
Uhrzeit: 20. Jan. 2022 18:30 Uhr
Zoom-Meeting beitreten
https://us02web.zoom.us/j/83212513552
Meeting-ID: 832 1251 3552
+496950500951,,83212513552# Deutschland
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Stefan