{"id":1613,"date":"2019-03-26T18:10:47","date_gmt":"2019-03-26T17:10:47","guid":{"rendered":"http:\/\/kulturschmiede-ev.de\/?post_type=tribe_events&#038;p=1613"},"modified":"2019-03-26T18:10:47","modified_gmt":"2019-03-26T17:10:47","slug":"literaturcafe-christian-petzolds-freie-verfilmung-von-anna-seghers-exilroman-transit","status":"publish","type":"tribe_events","link":"https:\/\/kulturschmiede-ev.de\/index.php\/event\/literaturcafe-christian-petzolds-freie-verfilmung-von-anna-seghers-exilroman-transit\/","title":{"rendered":"Literaturcaf\u00e9 : Christian Petzolds freie Verfilmung von Anna Seghers\u2019 Exilroman \u201eTransit\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Liebe Literaturcaf\u00e9-Freundinnen und Freunde,<\/p>\n<p>das n\u00e4chste Literaturcaf\u00e9 findet statt in der n\u00e4chsten Woche am Dienstag, dem 2. April, um 19:00h in der Kulturschmiede.<\/p>\n<p>Es geht um Christian Petzolds freie Verfilmung von Anna Seghers\u2019 Exilroman \u201eTransit\u201c aus dem vergangenen Jahr\u00a0mit <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Franz_Rogowski\">Franz Rogowski<\/a> und <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Paula_Beer\">Paula Beer<\/a> in den Hauptrollen, die im heutigen Marseille spielt. \u201eIch hab\u2019 keine Lust auf historische Filme mehr, keine richtige. Ich mag nicht die Zeit nachstellen. Ich finde, wenn man die Zeit, Vergangenheit erz\u00e4hlt, muss man sie vergegenw\u00e4rtigen\u201c, so Petzold. Es ist sein Lieblingsbuch, das er zusammen mit seinem Freund einmal im Jahr gelesen habe: \u201eIch finde, dass dieser Roman von Anna Seghers eigentlich unsere Geschichte ist: dieses In-die-Welt-Geworfensein\u201c. Gleichzeitig sieht er in in Seghers\u2018 \u00e4u\u00dferst vielschichtigem Roman eine Art \u201eGespenstergeschichte\u201c: \u201eF\u00fcr die Exilanten wird die Zeit angehalten und dreht sich nicht mehr weiter. Die Vergangenheit, die sie haben, interessiert niemanden. Eine Zukunft haben sie nicht, sie leben nur im Jetzt. Und das Jetzt nimmt sie nicht auf.\u201c<\/p>\n<p>Der Inhalt von Roman und Film:<\/p>\n<p>Fl\u00fcchtlinge aus allen L\u00e4ndern Europas treffen 1940 bzw. 2018 zu Tausenden in Marseille ein. Sie hetzen nach Visa, Stempeln, Bescheinigungen, ohne die sie den Kontinent nicht verlassen k\u00f6nnen. Im Chaos der Stadt, in den Caf\u00e9s, auf der Jagd von Beh\u00f6rde zu Beh\u00f6rde kreuzen sich ihre Wege. Unter ihnen der Ich-Erz\u00e4hler, der eine schmerzliche Liebe zu der Frau durchlebt, die rastlos ihren Mann sucht, an dessen Tod sie nicht glauben will. Mit falschen Papieren und &#8211; durch Zufall &#8211; mit der Hinterlassenschaft jenes Toten ausgestattet, erh\u00e4lt er durch gl\u00fcckliche Umst\u00e4nde eine Passage nach \u00dcbersee. Doch er gibt sie zur\u00fcck. Auf ihrer eigenen Odyssee von Marseille nach Mexiko &#8211; unmittelbar unter dem Eindruck ihrer pers\u00f6nlichen Erlebnisse &#8211; begann Anna Seghers an diesem Roman zu arbeiten. Dennoch spiegelt er die Ereignisse nicht einfach wider, sondern ist ein Werk gro\u00dfer Kunst und K\u00fcnstlichkeit, voll Ironie, Spiel und scheinbarer Leichtigkeit.<\/p>\n<p>***<\/p>\n<p>Nachtrag:<\/p>\n<p>Viele von euch erinnern sich sicher an Christoph Hein und seinen Roman \u201eTrutz\u201c mit seiner unfassbar genauen Kenntnis \u201everfolgungsgeschichtlicher\u201c Vorg\u00e4nge in Nazi-Deutschland, der DDR und der Sowjetunion. Vielleicht interessiert sich die eine oder der andere f\u00fcr Heins kritische Stellungnahme (aus der S\u00fcddeutschen Zeitung) zur historischen Fundierung des Oskar-gekr\u00f6nten Erfolgsfilms \u201e Das Leben der anderen\u201c von Florian Henckel von Donnersmarck, die ich euch hiermit zukommen lasse.<\/p>\n<p>Ein Artikel der digitalen Ausgabe der S\u00fcddeutschen Zeitung vom 24.01.2019.<br \/>\n<a href=\"http:\/\/sz.de\/1.4300244\">http:\/\/sz.de\/1.4300244<\/a><\/p>\n<p>Feuilleton, 24.01.2019<\/p>\n<p>Erinnerungen<\/p>\n<p>Mein Leben, leicht \u00fcberarbeitet<br \/>\n===============================<\/p>\n<p>Gastbeitrag von Christoph Hein<\/p>\n<p>Fast w\u00e4re ich weltber\u00fchmt geworden, aber eine selbstverschuldete Pedanterie verhinderte es. Wenn man, wie die Wiener sagen, etepetete ist oder etjerpotetjer, wie dasselbe einst im Niederdeutschen hie\u00df, also eher pingelig denn bedenkenlos, verscherzt man sich h\u00e4ufig die sch\u00f6nsten Chancen seines Lebens. An einem Vormittag eines Sommertages im Jahre 2002 rief mich Ulrich M\u00fche an, ein befreundeter Schauspieler, mit dem ich gelegentlich beruflich zu tun hatte. Er fragte, ob er mich mit einem Filmregisseur aufsuchen k\u00f6nne, der ein paar Fragen habe. Ich sagte zu, und bereits drei Stunden sp\u00e4ter erschien Freund M\u00fche mit einem sehr jungen und sehr gro\u00dfen Mann, den Ulrich mir als Filmregisseur vorstellte.<\/p>\n<p>Wir gingen in ein Gartenlokal in der N\u00e4he meiner Wohnung, bestellten uns Essen und Getr\u00e4nke, der Regisseur holte einen Stift und einen Block aus seiner Tasche und fragte, ob er nun fragen k\u00f6nne. Ich nickte, waren wir doch deswegen zusammengekommen, und er bat mich, ihm das typische Leben eines typischen Dramatikers der DDR zu beschreiben, denn er beabsichtige, einen Film \u00fcber einen typischen DDR-Dramatiker zu drehen. Ich lachte auf und sagte, es gebe da kein typisches oder normatives Leben und schon gar nicht einen solchen Dramatiker. Mit Klischees komme er nicht weiter, er solle sich lieber auf einen einzigen Autor beschr\u00e4nken und den m\u00f6glichst genau und mit allen Facetten schildern. Nun bat er, dann m\u00f6ge ich doch ein wenig von meinem Leben erz\u00e4hlen, und das tat ich.<\/p>\n<p>Vier Stunden sa\u00dfen wir im sonnigen Gartenlokal und ich redete, Ulrich h\u00f6rte zu, der Regisseur schrieb sich einiges auf und sagte schlie\u00dflich, er sei mir uns\u00e4glich dankbar. Nun wisse er doch \u00fcber das Leben in Ostdeutschland Bescheid, wisse, wie es in dieser Diktatur zugegangen sei, ich h\u00e4tte ihm entscheidend geholfen. Vier Jahre sp\u00e4ter erhielt ich eine Einladung zu der Premiere eines Films, in dem mein Freund Ulrich M\u00fche die Hauptrolle spielte. Ich war \u00fcberrascht, als mein Name im Vorspann auftauchte und mir f\u00fcr meine Mitarbeit gedankt wurde. Am Tag nach der Premiere schrieb ich dem Regisseur einen Brief und verlangte, dass mein Name im Vorspann nicht genannt werden d\u00fcrfe, denn mein Leben war anders als in &#8222;Das Leben der Anderen&#8220; dargestellt.<\/p>\n<p>Der Regisseur war \u00fcberrascht und verwundert, erkl\u00e4rte mir, dass er lediglich in aller \u00d6ffentlichkeit seine Dankbarkeit hatte bekunden wollen. Meine Einw\u00e4nde gegen seinen Film akzeptierte er nicht, ein Melodram habe nicht allein der Wahrheit zu folgen, sondern vor allem den Gesetzen des Kinos. Alles, was ich ihm ein paar Jahre zuvor erz\u00e4hlt hatte, war von ihm bunt durcheinandergemischt und dramatisch oder vielmehr sehr effektvoll melodramatisch neu zusammengesetzt worden. Im Kino sitzend hatte ich erstaunt auf mein Leben geschaut. So war es zwar nicht gewesen, aber so war es viel effektvoller.<\/p>\n<p>Der Held des Films sitzt im Jahr 1989 an einem Artikel \u00fcber Selbstmorde in der DDR, den er f\u00fcr eine westdeutsche Zeitung schreibt, was ich sofort als Anspielung auf meine Anti- Zensur-Rede von 1987 erkannte. Dass der Held \u00fcber einen anderen Konflikt des Staates sprach, st\u00f6rte mich nicht. Die \u00c4nderung war zwar unn\u00f6tig und f\u00fcr mich nicht nachvollziehbar, aber beides, Zensur wie Selbstmord, waren in der DDR so heikle Themen, dass dar\u00fcber \u00f6ffentlich eigentlich nicht gesprochen werden konnte.<\/p>\n<p>Jedoch dass der Filmheld seine Arbeit konspirativ anfertigen muss, sie auf einer dramatisch versteckten Schreibmaschine schreibt, das Manuskript in Agentenmanier in den Westen schmuggelt, dass er, der einer der ber\u00fchmtesten Autoren des Landes sein soll, samt seiner Freundin, ebenfalls sehr ber\u00fchmt, von der Staatssicherheit abgeh\u00f6rt und lebensbedrohend bedr\u00e4ngt wird, all das ist bunt durcheinandergemischter Unsinn.<\/p>\n<p>Gewiss, die Staatssicherheit hatte, wie ich dem Regisseur an jenem Sommertag Jahre zuvor berichtet hatte, f\u00fcr ein Dreivierteljahr meine Wohnung insgeheim verwanzt, weil ich einer Flugblattaktion wegen in ihr Visier geraten war. Aber damals war ich ein Student und es waren die Sechzigerjahre. In den Achtzigern sah es inzwischen anders aus. Der Staat bekam allein mit Repressionen seine Untertanen nicht mehr in den Griff, die Ausreiseantr\u00e4ge mehrten sich, viele gesch\u00e4tzte K\u00fcnstler verabschiedeten sich f\u00fcr immer, die Grenze wurde durchl\u00e4ssiger.<\/p>\n<p>Nein, &#8222;Das Leben der Anderen&#8220; beschreibt nicht die Achtzigerjahre in der DDR, der Film ist ein Gruselm\u00e4rchen, das in einem sagenhaften Land spielt, vergleichbar mit Tolkiens Mittelerde. Der Herr der Ringe wollte mit einem M\u00e4rchen die reale Welt beschreiben, es sollte wohl eine Allegorie sein, in der Sauron der Abscheuliche f\u00fcr Stalin stehen soll und Saruman, der Mann der schlauen Pl\u00e4ne, Hitler darstellen sollte, w\u00e4hrend die Freien V\u00f6lker die Alliierten verk\u00f6rperten.<\/p>\n<p>Mein Leben verlief v\u00f6llig anders. Aber diese Wahrheit ist f\u00fcr ein Melodrama ungeeignet. Um Wirkung zu erzielen, braucht es ein Schwarz-Wei\u00df, werden edle Helden und teuflische Schurken ben\u00f6tigt. Der Regisseur war \u00fcber den Wunsch, meinen Namen im Vorspann zu streichen, offenbar sehr ver\u00e4rgert und sagte nie wieder, er sei mir uns\u00e4glich dankbar. Stattdessen erz\u00e4hlt er seitdem, er habe sich bei seinem Film von der Biografie und den K\u00e4mpfen Wolf Biermanns inspirieren lassen. Das ist nat\u00fcrlich v\u00f6llig unsinnig, denn Biermann hatte man zw\u00f6lf Jahre zuvor die Staatsb\u00fcrgerschaft entzogen, so dass er in den entscheidenden Jahren des Zusammenbruchs des Staates und in dem Zeitraum in dem der Film spielt, nicht im Land sein konnte. Aber ich scheue mich, seinen Hinweis eine L\u00fcge zu nennen. Wei\u00df ich doch, dass es neben der Wahrheit noch die melodramatische Wahrheit gibt und neuerdings die alternativen Fakten. Hegel sagte, dass alle gro\u00dfen weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen sich zweimal ereignen. Marx f\u00fcgte hinzu: das eine Mal als Trag\u00f6die, das andere Mal als Farce. Nachzutragen habe ich, dass auch ein dummer Jungenstreich sich wiederholt, und zwar als Hanswurstiade.<\/p>\n<p>Denn zehn Jahre nach jener Filmpremiere erz\u00e4hlte mir ein Professor der Germanistik, er habe &#8211; aus welchen Gr\u00fcnden auch immer &#8211; meine Anti-Zensur-Rede von 1987 mit seinen Studenten besprochen. Die Studenten h\u00e4tten ihn gefragt, wie viele Jahre Gef\u00e4ngnis der Autor dieses Textes wegen bekommen habe. Der Professor erwiderte, der Autor sei nicht ins Gef\u00e4ngnis gekommen. Darauf meinten die Studenten, dann sei dieses Pamphlet erst nach 1989, also nach der Wende, geschrieben worden. Nein, erwiderte der Professor, er selbst habe bereits 1987 diese Rede gelesen. Das sei unm\u00f6glich, beharrten die Studenten, so k\u00f6nne es nicht gewesen sein, sie w\u00fcssten das ganz genau, weil sie ja den Film &#8222;Das Leben der Anderen&#8220; gesehen h\u00e4tten. Man sei, sagte der Professor zu mir, nach diesem Seminar in Unfrieden voneinander geschieden.<\/p>\n<p>Der Film wurde ein Welterfolg. Es ist aussichtslos f\u00fcr mich, meine Lebensgeschichte dagegensetzen zu wollen. Ich werde meine Erinnerungen dem Kino anpassen m\u00fcssen. Denn wenn auch die Trag\u00f6die zur Farce wird und schlie\u00dflich zur Hanswurstiade, so endet doch alles als Melodram.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Liebe Literaturcaf\u00e9-Freundinnen und Freunde, das n\u00e4chste Literaturcaf\u00e9 findet statt in der n\u00e4chsten Woche am Dienstag, dem 2. April, um 19:00h in der Kulturschmiede. 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